Das unmögliche Bild

Meine hobby-philosophischen Betrachtungen : Offenbarung ,Wunschdenken, Zweifel…und Hoffnung.

Lesezeit : ca. 4 Minuten

Die Offenbarung

Machen wir uns nichts vor : wir (ich, Sie er…) fotografieren doch nicht „nur“ aus Freude am Fotografieren, sondern (sei ehrlich!!!) wir freuen uns auch über ein schönes Lob. Ein paar anerkennende Worte ist doch Balsam auf unsere „geschundenen“ , vom vielen Auslösen  malträtierten Fingerkuppen. Da tut doch ein Lob wirklich mal gut !

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch 🙂  :  Von der Kunst getriebene kreative Menschen wie Sie und ich brauchen die Anerkennung der Ungläubigen nicht zwingend . Wir , die wir unermüdlich auch das unmögliche Bild schiessen wollen.  Wir, die Jäger des silber-kristallenen Fotoschatzes 🙂

Die Überlieferung besagt, dass der berühmteste Maler aller Zeiten auch ein Getriebener war (…ähnlich wie Sie und ich…) .  Auch er war  permanent mit dem Realisieren des „unmöglichen Bildes“ beschäftigt. Auch er litt (……) unter der fehlenden Anerkennung seiner Mitmenschen. Seine Inspiration holte er sich bei tagelangen Wanderungen durch südfranzösische Provinzlandschaften . Er malte viel und schnell.  Es heisst, er hätte während einer besonders produktiven  Phase  70 Gemälde und dutzende Zeichnungen in nur 80 Tagen gefertigt ….

„Malen mit Licht!“ Der hier verwendete Grünfilter vor dem Objektiv lässt die natürlichen Grüntöne heller erscheinen. Die Wiese im Vordergrund ist nahezu Weiss ! Dieses Sujet hätte Vincent van Gogh bestimmt auch angesprochen! Manche seiner Bilder hat er (aus Unsicherheit ?) gleich mehrmals gemalt ….(Foto: SW-Negativfilm APX100 ISO @ 160 ISO  / HOYA Grünfilter / 2-Bad-Entwicklung)   
 

Die Anfertigung einer analogen Fotografie im 21. Jahrhundert mag für manch einen etwas seltsam oder exotisch erscheinen; eine Hexerei ist es keineswegs. Kameras (alt und neu) sowie Film und Chemikalien sind im Fachhandel erhältlich. Auch die technische Umsetzung etwas fotografisch abzubilden ist kein Problem.

Wo jedoch die Bildaussage zum Anspruch wird reden wir von Kunst. Da wo Vincent, Sie und Ich „unser Bild“ dem Betrachter zeigen wollen tun sich Grenzen auf.  Haben wir es hier womöglich wieder mit diesen „unmöglichen Bildern “zu tun ?

Wunschdenken ( „das geistige Auge“, Ambitionen und andere Gefühle…)

„Wieso tun wir, was wir tun?“ Bei meinem gestrigen Waldspaziergang bei herrlichem Herbstwetter habe ich für mich im Stillen ein bisschen philosophiert 🙂 und mir die eine oder andere „Quizfrage“ gestellt. „und WARUM empfinden wir so oder SO ?  Keine Angst : ich will hier keine metaphysischen Abgründe auftun…:-)  Aber die Frage soll erlaubt sein :

Warum fasziniert mich genau dieses Motiv so stark, dass ich den Wunsch verspüre , diese Bild GENAU SO einzufangen und für  „die Ewigkeit“ zu konservieren ?  Das ist Ihnen als Fotograf oder Maler/Zeichner   bestimmt auch schon mal so ergangen !  

Nicht dass ich dieses Foto machen will, nein : ich muss es machen !   Ich kann gar nicht anders als diese vollkommene Schönheit der Natur auf Film zu bannen.  Die Szenerie ist fast unwirklich schön. Ich verlasse den Kiesweg und begebe mich nur ein paar wenige Schritte in den Wald hinein. Rasch ist mein Stativ aufgestellt, und ich überlege mir wie ich meine Belichtungszeit wählen soll.

Es ist mittlerweile so um halb vier; die Sonne steht noch verhältnismässig hoch und „knallt“ durch die Bäume. Gerne hätte ich jetzt ein paar zusätzliche Wolken am Himmel um die Kontraste etwas zu mindern.  Eine allgemeine Messung auf eine Graukarte wird nicht zielführend sein. So entscheide ich mich, mit dem Spotmeter (1Winkelgrad) verschiedene bildwichtige Stellen anzumessen.

Schnell wird klar : der Dynamikumfang der Szenerie ist (gelinde gesagt) „etwas grenzwertig“ (und eigentlich wäre eine verkürzte Entwicklungszeit von Vorteil, wenn da nicht die anderen Negative auf meinem Film wären.)  Mein 2-Bad-Entwickler kann hoffentlich die Lichter „in Schach halten“ und ein Ausfressen der hellsten Stellen verhindern.

Ich gebe es ungern zu 🙂 , aber ich werde zusehends unsicherer. Ein schäbig gekleideter Mann mit einer Malerstaffelei auf dem Rücken winkt mir im Vorbeigehen aufmunternd zu….(Vincent ?…) . Ich will dieses Bild und deshalb entscheide ich mich für eine ganze Belichtungsreihe.  Das muss klappen! Ich belichte insgesamt 15 Bilder (verschiedene Blenden und Belichtungszeiten zwischen 1/30 und 10 Sekunden, kombiniert mit Kontrast-Filtern in Rot, Orange und Gelb. Wäre doch gelacht ; und ich sehe schon den „Fine Print“ vor meinem geistigen Auge. Doch noch bin ich nicht so sicher…Wäre wohl ein Rollei 80s oder ein Ilford Pan F die bessere Filmwahl gewesen….?  Wie mag es hier wohl bei Tagesanbruch aussehen….? …..  Wird das wieder eines dieser unmöglichen Bilder ???

OK, ein „nettes“ Foto. Aber NICHTS das wirklich spektakulär wäre. Die natürliche Schönheit des Waldes, die frische Luft und der Geruch hat mich zu einer regelrechten „Belichtungsorgie“ verführt. Die Stimmung, welche ich da im Wald erlebt habe lässt sich nicht so mir nichts dir nichts auf ein 2-dimensionales Medium übertragen. Leider. Nicht Heute…und nicht von mir. Na dann : „Zurück auf Feld 1“ !

Irgendwie fühle ich mich erschöpft und leer. Meine gepeinigten Lungen mit „üppig Sauerstoff“ geflutet nach meinem dreistündigen Aufenthalt im  Wald mache ich mich gedankenversunken auf den Heimweg . In Gedanken bereits am Entwickeln der Negative.

Am „Paradiesli“ stelle ich mein Stativ noch einmal auf und schiesse das letzte Bild des Tages.

„Paradiesli“ Winterthur-Seen (mit Blick Richtung Stadt) Belichtet wurde „nach Lehrbuch“, indem die Wiese mit einem Handbelichtungsmesser angemessen wurde. Dem ermittelten mittleren Grauwert wurden dann 2 zusätzliche Blenden spendiert, um den Rotfilter-bedingten Lichtverlust auszugleichen. …Eigentlich hätte ich den Himmel gerne noch etwas dunkler gehabt….und die Wolken noch weisser 🙂

Reflexionen

Wer selber Hin-und wieder kreativ tätig ist hat bestimmt auch schon mit anderen „Kreativlingen“ über eigene Unzulänglichkeiten gesprochen.  Da ist nichts dabei, finde ich.  Am sprichwörtlichen „Ende des Tages“ ist es unwichtig, wieviele Likes oder Follower jemand hat.

Was zählt und bleibt ist die Freude am Machen. Wir, die wir auf „weiter, schneller, besser“ getrimmt wurden sollten uns Fragen, wohin uns das gebracht hat.

Es ist spät geworden, und bei der Durchsicht meiner Negative kommt trotz Unzulänglichem eine Genugtuung auf. Wer sagt denn, dass dauernd und immerfort eine Verbesserung der Qualität stattfinden muss? Die Kunst liegt schliesslich im Auge des Betrachters !

Ich sinniere noch ein bisschen vor mich hin und denke bewundernd an den ganz grossen Bildermacher  van Gogh. Überhaupt beeindrucken mich die Maler und Grafiker der letzten zwei Jahrhunderte mehr als die namhaften Fotokünstler unserer Zeit. (natürlich ohne irgendwas zu werten).

Mit Don Mc Lean`s wunderschönem Song über „Vincent“ lasse ich den Tag ausklingen…..

……….Now, I think I know what you tried to say to me
How you suffered for your sanity
How you tried to set them free
They would not listen, they’re not listening still
Perhaps they never will

Haben Sie auch Erfahrungen mit „unmöglichen Bildern“ gemacht ? Ich freue mich auf Kommentare und Mails !

Anmerkung : Aufnahmen mit Kleinbild-SLR-Kamera; Zoomobjektiv, Farbfilter. Belichtet auf AGFA APX 100ISO (@160 ISO) ; Entwickelt in 2-Bad-Entwickler (nach Barry Thornton). Digitalisiert mit Epson V600 @1200dpi. Die Negative wurden ansonsten nicht dig. bearbeitet.

2 thoughts on “Das unmögliche Bild

  1. Weimer says:

    Eine schöne Kunst, die es auch mit alter Technik zu erhalten gilt.
    Dem einen die Freude am Machen, dem anderen die des Betrachtens.
    Faszinierend, was man mit dem Auslöser alles auslösen kann.

    Ich werde die Beiträge weiter Verfolgen und verbleibe
    mit kreativen Grüßen

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code