Table Top Fotografie : „Just Do It „

Kann denn knipsen Sünde sein ? 🙂

Am vergangenen Sonntag war es wieder mal soweit : ich wollte das ultimativ perfekte Foto schiessen. Wohlwissend, dass dies  wahrscheinlich kaum passieren wird schreite ich zur Tat  🙂

Hobbyfotografen kennen das Gefühl : Der „Drang“ zu fotografieren (ohne genauere Vorstellungen zu haben Was oder Wo ). Hin und wieder verspüre ich dieses Inspirationsmanko …

Eigentlich liegt ja das Gute so nahe. Ich habe das GlĂĽck, am Stadtrand zu leben. Die Natur in unmittelbarer Nähe; oder wenns Urban sein soll bin ich in 20 Busminuten im Zentrum. Oder in einem der Industriegebiete.  Der Eschenbergwald und die Flusslandschaft der „Töss“  in greifbarer Nähe..und dennoch: Nein.

Heute solls mal „was besonderes“ sein 🙂  

Fotografieren mit der „analogen Digitalkamera“ lässt nicht viele WĂĽnsche offen !

VerfĂĽhrt ….von Flickr

Man mag von Flickr halten was man will : die Fotocommunity-Plattform hat durchaus auch Vorteile.  Als bestes Feature vielleicht die Suchmöglichkeiten nach Motiv mit (Farb– oder) Schwarzweiss-getaggten Bildern. Oder eine Gruppen-spezifische Suche nach buchstäblich > Allem.

Und so geschah es 🙂 einige hochauflösende SW-Bilder (digital und analog-hybrid) von Blumenarrangements haben mich dazu verführt, eigenhändig mal wieder was in Sachen Table Top Photographie zu versuchen.

Weiches Licht mit der Softbox (50 Watt Tageslicht-GlĂĽhbirne), Kamera auf Stativ

„es ist angerichtet“ ; (schön der Reihe nach)

Ziemlich schnell stellt sich natürlich die Frage nach dem geeignetem Werkzeug...Nachdem mir bewusst wurde, dass keine meiner Kamera-Objektiv-Kombinationen wirklich Ideal sein würden habe ich mich für die Nikon F100 mit dem SIGMA 2.8/28-105 entschieden. Braucht man (oder Frau) eine High-Tech-Kamera wie die F100 ? Nein, grundsätzlich tut es jede SLR oder Sucherkamera, welche eine einigermassen formatfüllende Abbildung des Objekts zulässt. Und, WICHTIG: über manuelle Einstellmöglichkeiten verfügt.

Die F100 wurde zwischen 1999 und 2011 produziert und gehört mit zu den besten je produzierten semi-professionellen SLR-Kameras. Wer mehr über die F100 erfahren möchte kann dies hier (english) oder hier (deutsch) tun. An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank an K. Weilenmann, der mir diese fantastische Kamera geschenkt hat !

Die „Zutaten“ fĂĽr die Stillleben-Fotografie

Stillleben ist eine Jahrhunderte alte Kunstform, und wurde dementsprechend schon lange vor der Erfindung der Fotografie gepflegt. Viele Maler der vergangenen Jahrhunderte malten klassische Stilleben in Ă–l. Das klassische Stillleben besteht aus 1-3 Dinge (Pflanzen, Blumen, Lebensmittel o.ä.). Die fotografische Umsetzung (aus technischer Sicht) ist recht einfach . Auf einem Tisch (oder einer anderen Ablagefläche) werden das oder die Objekte platziert. Daher auch der bezeichnende Ausdruck „Table Top“. Kamera, (Tages- und /oder Kunst-)Licht, Stativ, Kamera, Bildhintergrund ; das sind im Wesentlichen die Bestandteile. Von grossem Vorteil ist ein geräumiger Raum; resp. genĂĽgend Bewegungsfreiheit um allenfalls Kunstlicht – Varianten zu testen. Kann, muss nicht 🙂 Wie so oft im Leben ist der im Vorteil, der fĂĽr sich das „K.I.S.S.“ – Prinzip anwenden kann 🙂

Die Zeiten von Hoch-wattigen Fotolampen ist endgĂĽltig vorbei. Heutzutage wird entweder LED-Licht oder , wie im Bild, Tageslichtbirnen verwendet. (50 Watt, 5400 K)

Keine Geduld ? Filmkanister selber konfektionieren !

Wer (wie ich manchmal) keine Geduld hat um die ganze Belichtung eines 36er-Films abzuwarten, oder bloss ein paar wenige Bilder belichten will kann seine Filmpatrone selber befĂĽllen. Hierzu gibt’s käufliche „Bulkloader“, um Film bei Tageslicht ab einer 30-Meter-Spule in die Patrone zu befördern. Man kann jedoch auch bereits verwendete (leere) Patronen wieder mit Film befĂĽllen.

Links: die leere Patrone (mit einem ca. 4cm langen Filmrest) ; Rechts : die neue, volle Filmpatrone mit gerade geschnittenem Leader; festgeklebt mit Tesa-Band
Beide Filmenden sind miteinander verbunden; im Wechselsack verstaut wird nun die gewĂĽnschte Länge an Film auf die leere Spule „gekurbelt“. 13 Umdrehungen entsprechen ca. 10 Bildern. (Die Kurbel stammt von einem käuflichen Filmlader)
Der mit „X“ bezeichnete Filmkanister enthält ca. 20 Bilder

Schärfe vs. Bildwirkung

Ich gebs zu : ich mags scharf! Scharf ist jedoch nicht gleich scharf 🙂 Manche Schärfefetischisten geben doch tatsächlich tausende von Franken fĂĽr scharfe Linsen aus, um dann einen 10x10mm Bildbereich mal Faktor XY zu vergrössern und sich daran zu ergötzen… Mein Kommentar an diese Schärfespinner : „Gueti Besserig mitenand:-) “ 

Das von mir verwendete Zoomobjektiv war für diese Aufgabe , wie bereits erwähnt, nicht ideal. Festbrennweiten haben i.d.R. die besseren optischen Eigenschaften als variable Brennweiten. Zu markenspezifischen Eigenschaften und Unterschieden will ich mich nicht äussern; hier können nur ausführliche (unter Laborbedingungen ausgeführte) Test s schlüssig weiterhelfen.

Bei meinen gemachten Bildern sei auch noch der Faktor Mindestabstand (Objekt zum Objektiv) zu erwähnen…alles in allem eine eher dĂĽrftig Notlösung (welche mich letzten Endes doch noch einigermassen zufrieden gestellt hat.)

Und was ist jetzt mit der Schärfe ?

Wenn’s auf den zweiten Blick noch scharf erscheint ist es fĂĽr mich OK 🙂

Wer  jedoch  Papierbilder  in der Dunkelkammer machen will braucht möglichst scharfe Negative. (Je grösser der Print, desto mehr werden auch evtl Unschärfen augenfällig…)   

Wichtiger noch als knackscharfe Bilder ist für mich jedoch die Bildaussage , resp. die Bildwirkung ! Hier scheiden sich natürlich die Geister . Hier wird das alles zur Philosophie. Und das ist gut so. Wäre doch langweilig wenn wir alle gleich ticken würden .

„Es werde Licht“ (ĂĽber Belichtungszeiten…und so.)

So. Das Thema Schärfe lassen wir jetzt mal hinter uns. Wir haben unseren Aufbau erledigt; das Stativ steht stabil; die Kamera hält fest am Panoramakopf (und eine provisorische Komposition des Bildes wurde auch schon gemacht ; die „Pseudo-Softbox“ (glĂĽcklich ist wer ĂĽber den Platz fĂĽr eine richtige Grosse verfĂĽgt…) macht ein schönes weiches Licht. Eigentlich steht der Aufnahme nichts mehr im Weg.

Da wäre „nur“ noch die Sache mit der Belichtungszeit…

Immer mit dabei : der kleine , feine Gossen Digiflash Belichtungsmesser

Die korrekte Belichtung

Mein kleiner Blog soll ja auch Inspiration und Infoquelle für Anfänger, respektive (Wieder)Einsteiger in die analoge Fotografie sein. Deshalb werde ich hier auch etwas ausholen und die möglichen Vorgehensweisen beim Lichtmessen beschreiben 🙂

Grundsätzlich gilt : die meisten der sich heute noch regelmässig in Gebrauch befindenden Kameras verfĂĽgen ĂĽber einen eingebauten Belichtungsmesser. High-End Kameras wie die Nikon F100 (u.a.) verfĂĽgen gleich ĂĽber mehrere BeLi-Mess-Modi. Bei einfacheren Kameras (mit einem einzelnen Messmodus) wird das sich vom Motiv reflektierende Licht gemessen (=Objektmessung“). Diese Messung ist i.d.R. mittenbetont und ausreichend präzis (fĂĽr „Wald-und Wiesenfotos“) um die Kameraeinstellungen den Lichtverhältnissen anzupassen.

Genauer wird’s mittels einem externen BeLi, wenn eine „Lichtmessung“ gemacht wird. Hierbei wird vom Objekt in Richtung Kamera gemessen. Es ist unbedingt darauf zu achten, dass die Messkalotte nicht direkt dem hellen Licht ausgesetzt wird. Im Zweifelsfall mehrere Messungen machen und vergleichen.

Wer über einen (Kamera-Internen oder ext.) Spotmeter verfügt hat die Möglichkeit , einzelne Bildpartien anzumessen und hieraus Rückschlüsse über die ideale Belichtungszeit zu ziehen. Das Thema ist komplex und es gibt hierzu ausgezeichnete Ressourcen auf dem Web.

Bei Unsicherheit bez. Belichtungszeit 3 Aufnahmen machen mit jeweils dem gemessenen Wert; 1 Blende Ăśber- und 1 Blende Unter-Belichtung.

Welcher Film; welcher Entwickler ?

Grundsätzlich ist (fast) jeder Schwarzweiss (oder Farbnegativfilm) fĂĽr unser Vorhaben geeignet. Der Anfänger ist sicher gut beraten, erstmal die gĂĽnstigeren Filme „zu verballern“ 🙂 Ich selbst halte mich an gĂĽnstige SW-Consumerfilme wie Fomapan, Kentmere oder Agfa APX 100 ISO. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass meine Fotos 3x so gut aussehen wenn ich einen 3x teureren Film wie z.B. Fuji Acros verwende… aber, wer weiss ? 🙂

Die Vielfalt an Filmen ist enorm, und laufend kommt Neues hinzu. wer also seinem Spiel- und Kreativitätstrieb freien Lauf lassen will findet einen reich gedeckten Tisch vor. Superschnelle und -langsame Filme, Farbverlauffilme mit Überraschungsspezialeffekten, SW-Film mit extra hohem Silberanteil für harte Kontraste und tiefste Schwärzen usw. usw.

In Sachen Entwickler halte ich mich (meistens) an Rodinal oder Kodak HC-110. Beide sind seit Jahrzehnten auf dem Markt. Beide sind vielseitig verwendbar, einfach in der Anwendung und hochverdĂĽnnbar (das merkt man dann auch im Portemonnaie). NatĂĽrlich bietet der Markt auch noch zahlreiche andere Produkte an. Auch hier gilt : „rumspielen“ und ausprobieren 🙂

Rodinal damals 1925

Die „Ausbeute“ 🙂

Die Ausbeute meines Sonntag-Nachmittag- Stilllife – Shooting ist nur bedingt zufriedenstellend. Wie erwähnt hat mich die Linse (im Mindestabstand-Nahbereich) etwas enttäuscht. Da hab ich irgendwie mehr erwartet. Gegen die F100 ist nichts einzuwenden. Kein Wunder war sie auch ein begehrtes Werkzeug fĂĽr Profis. Das einzige kleine Manko ist die fehlende Spiegel-Vorauslösung. (Spiegelschlag kann sich störend bemerkbar machen bei längeren (Stativ-bedingten) Belichtungszeiten….Aber das ist Jammern auf hohem Niveau 🙂

Tech. Specs :

Abb.1 und Abb. 2 : Aufnahme mit Nikon F100/ SIGMA 2.8/28-105, in „M“-Modus (jedoch mit automatischer Fokussierung) , Blenden 8 , resp.11. Bel.zeiten 1sec – 1/60 ; der Bildhintergrund besteht aus einem grauen(!) Tuch und wurde mit dem Gossen-Beli direkt angemessen. Belichtet wurde dann (gemäss A.Adams Zonensystem) 2 Blenden kĂĽrzer, um das graue Tuch in Schwarz abzubilden. Das Licht wurde mit einer kleinen Softbox, sowie einer kurzen, warmweissen Röhrenleuchte (auf der linken Bildseite) realisiert. Film APX 100ISO, konventionell in Rodinal (1 Teil Chemie und 50 Teile Wasser) fĂĽr 10 Minuten entwickelt. Die Bilder wurden mit 1200dpi gescannt, jedoch nicht digital bearbeitet. Abb. 3 : eine Tabletop-Aufnahme aus älteren Tagen. Aufnahme mit Zenza Bronica ETRSi/2.8/75mm, Film Typ LOMOGRAPHY X-PRO Slide 200ISO, cross-entwickelt in Compard Digibase C41 Farb-Negativentwickler; Licht mit entfesseltem Blitz , dig. nachbearbeitet (Bild-Ecken vignettiert) mit GIMP.

Weisse BlĂĽte“
Orchideen im hellgrĂĽnen Pot
„almost Caravaggio“

Fazit

Wer Tabletop-Aufnahmen machen will braucht weder eine spezielle KameraausrĂĽstung, noch Profibeleuchtung, sondern zur Not tuts auch die Nachtisch- oder BĂĽrolampe. Reflektoren aus weissem Papier oder aus Backtrennpapier hergestellte Softboxen. Vielleicht konnte ich Sie etwas inspirieren um sich selber mal als Table-Top-Fotograf zu versuchen ? „Probiäre gaat ĂĽber studiäre“ , Just Do It ! …(und NEIN, knipsen ist keine SĂĽnde 🙂

FĂĽr Ihre Fragen, Anregungen oder Kritik habe ich ein offenes Ohr. Kommentare und Mail sind jederzeit Willkommen !

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